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Das Wichtigste

ist eine idee

Kulturbahnhof "Zughafen"

Aus einer spontanen Pioniergeist-Aktion heraus gegründet, wuchs der Erfurter Kulturbahnhof „Zughafen“ über die letzten 16 Jahre zu einer Begegnungsstätte heran. In den Räumen sitzen Macher aus Kunst, Kultur und Wirtschaft. Sie haben Lust, gemeinsam etwas in ihrer Stadt zu bewegen – und zusammenzubringen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört.
 
Die Holztür knarzt, das alte DB Logo klebt noch am Eingang, im Hintergrund leise Zuggeräusche. Der Erfurter Bahnhof, top modernisiert, liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Und hier? Hinterhofflair, Schlaglöcher und hinter den Backsteinmauern dunkle Flure. 

Ein unscheinbarer alter Güterbahnhof: der Zughafen Erfurt. Foto: Jan Brockmann

Nächste Szene: Zwei Akkordeonspieler setzen sich mitten in einen Raum, werden von Scheinwerfern angeleuchtet und improvisieren einen Soundtrack – wie ein langsamer, gefühlvoller Tango. Er passt perfekt zur melancholischen winterlichen Stimmung an diesem Tag, zur Atmosphäre des Raums. Wir sind im Zughafen. Geschäftsführer Andie Welskop, der gemeinsam mit Clueso alles in diesen Ort investierte, zündet sich im Nebenraum filmreif eine Zigarette an und beginnt zu erzählen. „10.000 Stunden Eigenleistung – geschätzt, gefühlt...“ liegen hinter ihm. Er stellt die vor, die heute da sind – im Sommer ist mehr los und jeder kann ja kommen, wann er will – und schon nach ein paar Sätzen ist klar: Alle erzählen diese Geschichte für ihn weiter: Hubert, Dennis, Veronika, Thomas, Daniel und Marius. Zwischendurch sagt er alle Termine ab; was hier gerade passiert, gefällt ihm. Da entsteht was.

Die Musik spielt weiter, es geht weiter. In jedem der Räume stehen faszinierende Menschen und Dinge. Es ist spürbar, dass sie Teil von etwas sind. Bei „FATInk“ werden Textilien bedruckt und bestickt, „Funkelstumpf“ fertigt Holzdesign von Hand an und „Bonbou“ ist ein Online-Weinhandel. Hier sind Räume für alle Ideen. Weil es Donnerstagabend ist, ist Zeit für Kalif Storch. Getanzt wird hier erst später. Noch stehen hier ein Dutzend junger Leute beim Tischtennis.Neben dem stetigen Ping-Pong-Geräusch hört man verschiedenste Sprachen durcheinander. Englisch, Französisch, Spanisch. Die Musik von vorhin übertönen sie mit ihrem euphorischen Zurufen. Die Gäste trinken Bier aus dem „Heimathafen“, einer Brauereimanufaktur gleich nebenan. Wer frische Luft braucht, kann vor dem Club etliche Meter weit über alte Bahngleise schauen – und auf dem Sandboden unter freiem Himmel tanzen. Die Züge hört man fast nur noch nachts, wenn beladene Waggons hier entlangrattern. Am Tag gleiten die ICEs ganz sanft vorbei. Klingt nach lauen Sommernächten und Romantik – außer jetzt im Winter, da passt das Samstagsmotto besser: Techno.

ZUGHAFEN ERFURT

Es ist ein unscheinbarer alter Güterbahnhof in Erfurt, an dem ein kleines Stück Musikgeschichte geschrieben wurde: Die Musiker Clueso und Norman Sinn richteten gemeinsam mit Cluesos Manager Andie Welskop den Zughafen und bezogen dort Büros. Die übrigen Räume wurden an Firmen und Künstler untervermietet. 2015 trennte sich Clueso von seiner Erfurter Band und damit auch vom Zughafen, der sich danach ein Stück weit neu erfand. Geblieben ist die Idee, daraus einen Ort zu schaffen, der Künstler zusammenbringt und ein lebendiger Ort der Vernetzung ist. 2018 wurde er gemeinsam mit der Kunst- und Designschule mit dem Erfurter Kulturpreis ausgezeichnet.

Der Zughafen ist der perfekte Standort für Dennis Schmelz und sein junges Business. Foto: Jan Brockmann

Aus einer spontanen Pioniergeist Idee gegründet: der Zughafen. Foto: Jan Brockmann

Verschiedene Firmen und Künster arbeiten am Zughafen. Foto: Jan Brockmann

Im ersten Stock sitzt Dennis Schmelz noch am Videoschnitt – in den Kalifen komme er später nach. Als freiberuflicher Kameramann reist er durch die Welt und dreht Reise-, Musik- und Imagefilme (ein aktuelles Musikvideo ist mit Clueso). „Wenn ich dann zuhause arbeite und schneide, sitze ich da manchmal tagelang alleine rum und sehe niemanden außer meiner Freundin und unserem Hund. Der kreative Austausch fehlte mir.“ Ein Arbeitstag im Zughafen ist lebendiger, man kann einander in der Küche beim Kaffee trinken Fragen stellen oder „die Familie“ trifft sich irgendwo – im Club, draußen, im Flur. „Diese Verbindung zu anderen, die tut gut.“

Für Dennis und sein junges Business ist das hier, ist Erfurt der perfekte Standort: „In der Region gibt es viele mittelständische Unternehmen und die Nachfrage nach Imagefilmen oder Aufnahmen von Events ist groß. Gleichzeitig gibt es nicht viele Anbieter – man kann fairere Honorare aufrufen als in einer Großstadt, wo viele um die Aufträge buhlen.“ Dabei wollte er eigentlich nach Berlin: „Einfach, weil da immer alle hinwollen und weil man denkt, da passiert so viel“, sagt er, der Hesse. Eine Interrail-Reise durch Europa, die er per Video und auf Social Kanälen begleitete, brachte ihm aber einen rasanten Berufsstart ein und der Gedanke ans Weiterziehen war obsolet. Anfang 2018 veröffentlichte er gemeinsam mit dem Fotografen Christopher Schmid einen Kurzfilm über eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn. Dafür fuhr er 16 Tage lang auf 7.923 Kilometern durch China, die Mongolei und Russland. Der Film „Transsiberian Dream“ ging viral. „Ich musste gar nicht mehr nach Berlin, obwohl mich die Stadt immer noch jedes Mal fasziniert.“ 

  • Geschäftsführer Andie Welskop.
    Foto: Jan Brockmann

    Hubert Langrock leitet das Kalif Storch im Zughafen. Foto: Jan Brockmann

  • Dennis Schmelz nutzt die Räumlichkeiten im Zughafen für seine Arbeit . Foto: Jan Brockmann

    Zur Stadt Erfurt gehört auch der Zughafen. Foto: Jan Brockmann

UND DANN STEhST DU DA MIT EINEM DUTZEND LEUTE AM SET – UND ALLES SIND THÜRINGER.

Er hat in den vergangenen Monaten gleich mehrere große Projekte gedreht, ist dafür unter anderem nach Mumbai, Shanghai, Bangkok und Kapstadt geflogen: „Es macht besonders Spaß, auch mal im Team zu arbeiten, in dem jeder Spezialist für seine Aufgabe ist und sich auf seinen Bereich konzentrieren kann“, sagt er. „Und dann stehst du da mit einem dutzend Leuten am Set – und alles sind Thüringer." Wir sind in der Region ein sehr überschaubarer Kreis von freien Kollegen und die treffen sich regelmäßig. Und: „Weil es hier in Erfurt nicht so ein Überangebot an Dingen gibt, haben die Leute noch Bock auf neue Dinge und lassen sich davon begeistern. Hier ist es so: Wenn eine gute Party stattfindet, geht man hin.“ Na dann mal los, oder?

Hubert Langrock ist schon am Start, er leitet das Kalif Storch und ist ein alter Clubhase. Einmal im Monat bildete sich einst auf der Straße vor seinem Haus in Bad Klosterlausnitz eine kilometerlange Schlange mit Autos – sie führte zur „Muna“, einem der ersten Techno-Clubs in Deutschland. „Wir waren eine große Gruppe von mehreren Dutzend jungen Leuten, die sich regelmäßig dort getroffen und den Club mitgestaltet haben. Das war ein kleines Paradies.“ Seit damals hatte er den Traum, selbst mal so einen Ort zu schaffen – nur statt mit dem Auto, soll man in seinen Club zu Fuß gehen können.

Zughafen: Kunst, Kreativität und Wirschaft kommen hier zusammen. Foto: Jan Brockmann

2015 organisierte Hubert in einem Viererteam seine erste große Party in einer Lagerhalle in Erfurt – unter dem Namen „Kalif Storch“, der auf ein Märchen von Wilhelm Hauff zurückgeht. „Wir wollten etwas für die Stadt tun und hier eine richtig gute Veranstaltung machen.“ Als sie das Format wiederholen wollten, war die Lagerhalle nicht mehr verfügbar, aber im Zughafen waren Räume frei. „Wir haben noch zehn Minuten, bevor die Türen aufgingen, die letzten Schrauben festgedreht“, erinnert sich Hubert. „Es wurde rappelvoll. Spätestens nach diesem Abend war klar, dass das unser fester Club werden soll.“ Jetzt steht er hier und Erfurt, das ist für ihn heute sein Zuhause. „Nach Berlin oder Leipzig gehen kann jeder, das ist einfach“, sagt er. „Hier etwas auf die Beine zu stellen, das ist das Schwierige.“ Was er sehr zu schätzen gelernt habe ist die Nähe zu anderen in der Stadt – zu anderen Clubs, Veranstaltungsräumen oder Galerien und deren Betreibern: „Es gab Zeiten, da haben wir alle gegeneinander gearbeitet. Das hat sich geändert. Jeder hat seine Nische gefunden, wir respektieren uns und helfen einander.“

 

Der Zughafen ist ein Begegnungsort, ein Heimathafen für alle geworden – das spürt jeder, der mit den Menschen hier spricht und sich von ihrer Leidenschaft anstecken lässt. Und Andie, bist du mit deinem Zughafen-Werk zufrieden? Nee, ein Restaurant wolle er noch. „Der Zughafen soll ein Ort sein, an dem man den ganzen Tag verbringen kann. Du trinkst hier 15 Uhr einen Kaffee, nimmst noch ein Bier am Stattstrand und ab Mitternacht kannst du tanzen.“ Auch Hubert hat immer noch neue Ideen und Pläne. Es gebe da „noch so einen Keller“...

„Die Idee kann eigentlich nicht sterben. Während Träume platzen, aber die Idee, die bleibt.“

Eine Content Marketing Lösung von SZ Brand Studio für Das ist Thüringen.

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