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Wunderbare

Erinnerungen

Im Gespräch mit Christine Westermann

Wunderbare

Erinnerungen

Im Gespräch mit Christine Westermann

„Ich muss nicht machen, was alle machen.“

Christine Westermann, gebürtige Erfurterin, hat ein Buch übers Abschiednehmen geschrieben. Ihr selbst fällt es meistens leicht, Dinge loszulassen – sogar die Sendung „Zimmer frei!“, als sie nach 20 Jahren zu Ende ging. Die 69-jährige Moderatorin, Journalistin und Autorin ist schon viel gereist in ihrem Leben, doch die Erinnerungen an den Ort ihrer Kindheit sind immer noch wach – und riechen nach Hefeklößen und Mohnkuchen.

Christine Westermann wurde in Erfurt geboren. Foto: Pressefoto

Jedes Leben erzählt vom Losgehen, Ankommen und Weitergehen. Sie waren viel unterwegs. Wo war es besonders schön?

Jede Stadt ist schön, solange das Wetter gut ist. Ich mag Sydney sehr und würde da gerne mal ein paar Jahre leben. Aktuell bin ich seit langer Zeit in Köln, ich mag die Stadt, die vielen unterschiedlichen Viertel, die es gibt.  Einen Wohnungstausch würde ich mit Hamburg machen, vorausgesetzt, ich hätte genug Geld, um in den wirklich schönen Gegenden wie Blankenese zu leben. Wie behutsam man Hamburg nach dem Krieg aufgebaut hat, anders als Köln, und die Nähe zum Meer, das gefällt mir sehr.

von San Francisco zurück nach Deutschland

Sie haben zehn Jahre in San Francisco gelebt – warum sind Sie zurückgekommen?

Als klar war, jetzt ist es genug. Genug Erfahrungen gemacht. Dieser Abschied ist mir leicht gefallen, denn da war es einfach Zeit, dieses Kapitel abzuschließen. Ich habe schon nach fünf, sechs Jahren gemerkt, dass ich Europa vermisse, dass ich viel europäischer bin als ich dachte.  In San Francisco gab es eine starke europäische Community mit Italienern, Deutschen und Franzosen, mit denen ich viel Zeit verbracht habe. Irgendwann habe gespürt, dass ich mich nach Europa sehne. Das hing aber auch damit zusammen, dass sich mein beruflicher Schwerpunkt schon nach Deutschland verschoben hatte: Ich bin regelmäßig dreimal, viermal im Monat nach Köln gependelt. An das ständige Fliegen gewöhnt man sich, das ist irgendwann wie Busfahren. Aber ich hatte immer weniger Zeit für meine amerikanischen Freunde, konnte kaum noch etwas unternehmen, weil ich nur vier oder fünf Tage in der Stadt war. Die Balance hat nicht mehr gestimmt, also habe ich entschieden, wieder nach Deutschland zu gehen.

  • Das jährliche Krämerbrückenfest findet immer im Juni statt. Foto: Paul-Ruben Mundthal

    Der Anger ist ein zentraler Ort mit zahlreichen Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomiebetrieben. Foto: Paul-Ruben Mundthal

  • Die Krämerbrücke, die mit Fachwerkhäusern bebaut wurde, ist ein Wahrzeichen der Stadt. Foto: Paul-Ruben Mundthal

    Die Altstadt hat viele charmante Gassen. Foto: Paul-Ruben Mundthal

Manchmal ist es federleicht

Wer neue Orte entdeckt, nimmt damit immer von anderen Abschied. In Ihrem aktuellen Buch „Manchmal ist es federleicht. Von kleinen und großen Abschieden“ beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Abschiednehmen – kann man es lernen, leicht „Tschüss“ zu sagen?

Das weiß ich nicht. Ich habe keinen Ratgeber geschrieben und sage: ‚Leute, so funktioniert es.’ Ich kann es nur für mich beantworten und da war es manchmal schwer und doch in der Rückschau auch leicht. Das ist ja der Trick im Leben: man lebt nach vorn, aber begreift erst beim Blick zurück, was wichtig war. Und vor allem, warum.  

 

Wie sieht es mit dem Abschiednehmen von Menschen aus?

Mich fasziniert: Wenn jemand stirbt, dann existiert er körperlich nicht mehr. Aber alles andere bleibt. Die Erinnerungen, die Dinge und Geschichten, die man gemeinsam erlebt hat. Das ist alles da, es bleibt, im Kopf und im Herzen. Kennen Sie die wunderbare Tradition des Leichenschmauses? Die Trauerfeier ist vorbei, man trifft sich bei Salamischnittchen und Streuselkuchen. Es gibt die große Trauer, aber es gibt auch die wunderbaren Erinnerungen, die Geschichten, die man sich über den Verstorbenen erzählt, und während man lacht, ist er dabei, mitten unter uns.

Es kann nur etwas Neues kommen, wenn auch etwas Altes geht.

Können Sie leicht loslassen?

Ja. Gelernt habe ich das nicht. Ich weiß es nicht, warum ich das ganz gut kann.  Es ist eine Erfahrung, die sich langsam im Leben breitgemacht hat: Es kann nur etwas Neues kommen, wenn auch etwas Altes geht.

Erinnerungen an Erfurt

Sie stammen aus Erfurt. Welche Erinnerungen haben Sie an die Stadt?

Ich erinnere mich an die großen Ferien, die ich als kleines Mädchen bei meinem Großvater verbracht habe. Er hatte eine Pferdemetzgerei in Erfurt, mitten in der Stadt, im Viertel „Große Arche“. Da hatte er einen Hof mit Pferden und gegenüber gab es eine Kneipe, da durfte ich oft Fassbrause trinken – bei der war der Name noch Programm, die kam wirklich aus dem Fass und war sehr lecker. Meine Tante, an die erinnere ich mich auch gut, mit ihr habe ich viel Zeit verbracht. Wir sind häufig auf den Friedhof gegangen, haben die Gartenschau in Erfurt gesehen. Meine Tante konnte wunderbare Hefeklöße machen, mit Semmelbrösel obendrauf, dazu selbst eingemachte Heidelbeeren. Und ich erinnere mich an Kuchen – sehr viel Kuchen. Besonders Mohnkuchen, den fand ich bis auf die Rosinen klasse. Um die besten Rostbratwürste von Thüringen zu finden und zu essen musste ich aber erst sehr erwachsen werden: bei Dreharbeiten mit dem MDR hat uns die Chefin des Bahnhofes die Würstchenbude direkt gegenüber dem Hauptbahnhof empfohlen. Mit Recht. Ich habe noch nie eine bessere Thüringer gegessen, oder genauer: Ich habe sogar zwei gegessen, eine mit Krautsalat und eine im Brötchen.

Mit Erfurt verbindet Christine Westermann die Thüringer Rostbratwurst, Mohnkuchen und wunderbare Erinnerungen. Fotos: Paul-Ruben Mundthal

Kommen Sie regelmäßig zurück an diesen Ort Ihrer Kindheit?

Nein, außer beruflichen Terminen gibt es keine private Verbindung mehr, nur die Erinnerungen. Anders als noch in den Achtziger Jahren. Ich erinnere mich an eine Reise nach Erfurt mit meinem Kollegen und Freund Frank Plasberg. Wir waren Mitte der 80er Jahre in Erfurt zum St. Martinstag. Der ganze Domplatz voll mit Menschen, mit Kindern und ihren bunten Laternen. Auf den Stufen zwischen Dom und Severi stand ein Altar. Und dann haben tausende von Menschen gemeinsam das berühmte Martin-Luther-Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ gesungen, das war Gänsehaut pur. Damals war Erfurt noch lange nicht so schön wie heute. Ich war im Frühjahr beruflich für den MDR dort. Die Stadt ist traumhaft schön restauriert, die Architektur großartig. Ich muss übrigens immer schmunzeln, wenn ich die Leute dort reden höre, weil ich sofort den Sing-Sang meiner Tante höre. Die Erfurter hängen oft so ein „ne“ an ihre Sätze dran – das sind für mich Heimatklänge.

  • Rang 2

    Geschlechter-
    spezifische
    Einkommens-
    differenz

    Rang 2

    Differenzbetrag der Medianeinkommen von beschäftigten Männern und Frauen in 2015


    Quelle: Wo lebt es sich am besten? Die große Deutschland Studie des ZDF

  • Rang 4

    Kaufkraft
    in Erfurt

    Rang 4

    Verfügbares Einkommen* in Euro pro Kopf in 2017 in Erfurt

    Quelle: Wo lebt es sich am besten? Die große Deutschland Studie des ZDF

    *Nettoeinkommen ohne Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, inkl. empfangener Transferleistungen

Freude am Leben

Sie wirken wie ein Mensch, der sehr große Freude am Leben hat.

Ja, das stimmt, ich empfinde Lebensfreude und Lebenslust. Ich bin gern unterwegs, verreise viel. Ich mag aber auch nach langen Arbeitswochen jene Ferientage, in denen gar nichts passiert. An denen ich morgens aufwache und keinen Plan habe, den Tag einfach vertrödele und den Wolken beim Vorbeiziehen zugucke.

Aus all dem spricht eine große Achtsamkeit für den Alltag. Das Thema ist Trend, haben Sie es schon für sich erreicht, Achtsamkeit zu leben?
Was immer Achtsamkeit bedeutet. Das mag für jeden etwas anderes sein. Für mich ist es manchmal einfach nur ein Innehalten, zu merken, wie schön oder vielleicht auch wie schmerzhaft etwas ist. Ich habe eine Ausbildung gemacht, bin jetzt Bewusstseinstrainerin., Aber will nicht den Beruf wechseln. Bin mit stiller Leidenschaft und Lust Journalistin. Ich habe diese Ausbildung für mich gemacht. Ganz sachte hat sich mein Leben verändert. Oder besser: die Perspektive, aus der ich Menschen und Situationen betrachte und erlebe.

Achtsamkeit, die Freude am Leben und die Kunst der Blitzmeditation spielen eine wichtige Rolle für Christine Westermann. Foto: Paul-Ruben Mundthal

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ist, ehrlich gesagt, schwer zu erklären. Weil man es eher fühlt als klar umschreiben kann. Vor zwei Tagen habe ich einem Radfahrer die Vorfahrt genommen. Er hat sich heftig aufgeregt, ich habe mich entschuldigt, nicht nur einmal, immer wieder. Nicht nur ein lapidares „Tut mir leid“, sondern ehrliche Zerknirschung. Was ihn nicht daran gehindert hat, mich weiter übel zu beschimpfen. Bevor ich auch wütend werden konnte über soviel Sturheit, hat sich ein klarer Gedanke dazwischen geschoben: „Die arme Socke, mit soviel Unversöhnlichkeit hat der es auch nicht leicht im Leben“. Hat mich innerlich so entspannt, dass ich auch noch mein schönstes Lächeln hinterherschicken konnte.

Die Kunst der Blitzmeditation

Wenden Sie Techniken an, machen Sie Yoga oder meditieren Sie?

Ich bin eine Art „Blitzmeditierer“. Man soll beim Meditieren ja eigentlich die Gedanken durchziehen lassen, aber das gelingt mir nur auf die kurze Strecke. In vielen kleinen Alltagsmomenten. Ich liebe Bäume, gucke sie an und bin drei, vier Sekunden weg. Sehe nur diesen einen Baum und wenn ich aus dieser Blitzmeditation wieder auftauche, spüre ich, da hat sich kein Gedanke dazwischengedrängt. Etwas sehen, die bunte Bücherwand vor meinem Schreibtisch zum Beispiel, und mich für ein paar Sekunden verlieren. Seitdem ich weiß, dass ich dieses Talent habe, kann ich es sehr bewusst tun. Ich könnte nun behaupten, dass das sehr erfrischend ist, aber das ist Quatsch. Es tut mir einfach gut und ich bin froh, dass ich so so ein wunderbares Werkzeug gefunden habe.

Foto: Pressefoto

Viele Menschen kennen Sie aus der Sendung „Zimmer frei!“, die Sie zwanzig Jahre lang an der Seite von Götz Alsmann moderiert haben. Was hat Ihnen selbst an dem Format gefallen?

Die Unberechenbarkeit und die stete Herausforderung: Keine Sendung war wie die andere. Das einzige, was immer gleich war, war Götz, der mit seinen berüchtigten rhetorischen Blutgrätschen immer Gespräche unterberochen hat – das war meistens gut und manchmal schade.

2016 lief die letzte Sendung. Sie wussten lange vorher, dass nach 20 Jahren Schluss sein würde. Wie hat sich dieser Abschied dann aber angefühlt?

Als wir erfahren haben, wann die letzte Sendung stattfinden würde, da habe ich noch gesagt: ‚Zur letzten Sendung komme ich nicht. Das kriege ich emotional nicht hin.“. Ich bin dann doch hingegangen und habe eine ganz wunderbare Mischung aus Dankbarkeit, Freude und ein bisschen Wehmut empfunden. Ich war einfach stolz auf das, was wir geschafft hatten. Und mir wurde klar, dass es genau richtig war, an diesem Punkt aufzuhören. Ich hatte mich vor diesem Abschied gefürchtet, weil ich dachte, er würde so und so sein. Und dann kam es anders. Was man denkt, ist eben nicht die Wirklichkeit. Aber wir halten unsere Gedanken für die Wirklichkeit und handeln danach. Mit der Realität – mit dem, was wirklich ist – haben sie nichts zu tun.

Der Erfurter Dom besitzt mit der Gloriosa die größte freischwingende mittelalterliche Glocke der Welt. Foto: Paul-Ruben Mundthal

Ihre Art, die Gäste der Sendung zu interviewen, war einzigartig: sehr liebevoll und zugewandt. Was ist Ihnen in solchen Gesprächen wichtig?
Dem Menschen gerecht zu werden. Gut vorbereitet zu sein. Zuzuhören. Sich nicht an vorgefertigten Fragen abzuarbeiten, sondern dem zu folgen, was der andere erzählt. Sich für den Menschen zu interessieren, der vor einem sitzt. Und wenn man das wirklich tut, kommt es beim Gegenüber auch an. Mit einer erstaunlichen Wirkung: Er öffnet sich.

„Ich formuliere Mails wie einen Brief – klar in der Sache und freundlich im Ton.“

Sind Sie altmodisch?
Ich verweigere mich neuen Entwicklungen nicht, sondern ich mache, was ich kann und vor allem mache ich, was ich will. Wenn ich E-Mails schreibe, beachte ich alle Satzzeichen. Ich schreibe nie ‚LG’, sondern ‚lieben Gruß’. Ich formuliere Mails wie einen Brief – klar in der Sache und freundlich im Ton. Ich benutze auch mal einen Emoji – den mit der Sonnenbrille, den finde ich gut und wenn ich dran denke, verschicke ich auch mal bunte Herzchen. Aber das reicht dann auch. Ich finde es toll, wenn mein Neffe mit seiner neuen Freundin in China skypt, aber ich werde nicht mit Freunden in Amerika skypen, sondern telefoniere lieber. Kann sein, dass das altmodisch ist.

 

Die Kulissen der Interviews waren immer aufwändig inszeniert. In welcher Kulisse würden Sie gern interviewt werden?
Ich würde am Meer sitzen oder in einem Strandkorb. Und dann müsste das Gespräch von Ruhe handeln. Ja, darüber würde ich gern reden. Ich würde mir Meeresrauschen wünschen, das darf richtig laut sein. Wir fahren jedes Jahr nach Südafrika in ein B&B auf einer Düne.  Das Meer brüllt mich dort 24 Stunden lang an. Für mich ist das unglaublich beruhigend.

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